City-Tour West: im Grunewald mit Winfried Kuhn

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Antiquar Winfried Kuhn besitzt wohl eine der interessantesten Bibliotheken Berlins. Auf unserer Radtour durch den Grunewald kommt uns sein Gespür für alte Schätze zugute – und wir entdecken das Villenviertel mit ganz neuen Augen.

Winfried Kuhn wohnt in einer verwinkelten Schöneberger Altbauwohnung, die gleichzeitig seine riesige Bibliothek beherbergt. Tritt man ein, begibt man sich direkt auf eine Zeitreise. Unzählige Bücher stapeln sich in Regalen vom Boden bis zur Decke. Sie stammen aus zahlreichen Epochen und Themengebieten: Architektur, Medizin, Geologie, Naturwissenschaften. Nichts, was man in der normalen Bücherkiste findet. Hier warten seltene, antiquarische Schätze auf Sammler aus aller Welt, gebunden in schweres Leder, mit Rückenvergoldung oder lithographierten Tafeln. Es wird schnell klar, dass diese Büchersammlung nur mit viel Hingabe und Sinn für das Besondere entstehen konnte.
Geboren und aufgewachsen ist Winfried im westfälischen Ort Waltrop, in dem heute Manufactum seinen Sitz hat. Ein Kaff mit einer stillgelegten Kohlenzeche, das er schon als kleiner Junge elendig provinziell fand. Die Entscheidung, nach Berlin zu ziehen, fasste er vor vierzig Jahren und bereut es bis heute keine Sekunde. Die Stadt, das mag er besonders, erfindet sich jeden Tag neu. So profan es klingt, wie er selbst sagt. Kilometerweit entfernt von Straßencafés und Hochkultur zu sein, das Spontane zu verlieren, nein, das wäre undenkbar. Für uns ist das ein Glück. Denn so können wir uns heute von ihm die architektonischen Schätze des Grunewaldes zeigen lassen.

Ich mag es, dass im Grunewald noch etwas von dem alten Fluidum übrig bleibt. Einige Häuser wollen hier so bleiben, wie sie sind, und sich nicht zu so einer Vorzeigearchitektur herausputzen.

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Über den Ku’damm zur Koenigsallee

Vorbei an Hermès und Burberry radeln wir gen West. Kurz bevor sich die A100 aus dem Rathenauplatz herausschraubt, biegen wir scharf links und sofort wieder rechts ab und finden: Stille. So eine angenehme Stille. Die Straßen sind auf einmal Alleen, die Häuser sind gewaltig und gewaltig schön. Wie in Hamburg Blankenese. Verzierte Balustraden, Säulen und Giebel mit aus Stein gehauenen Fabelwesenköpfen schmücken die vorwiegend weißen Stadtvillen. Am Ende der Margaretenstraße blicken wir auf den Halensee und mögen den Moment sehr.

Es ist einer dieser Tage, an denen die Luft flirrt. Doch bevor wir schon in der ersten schattigen Straße versacken, treibt uns Winfried weiter über die Koenigsallee. Der Fahrtwind fönt uns durch die Haare und wir merken, wie sehr diese Gegend zum Treibenlassen und verträumten Staunen einlädt.

In der Erdener Straße besuchen wir das Haus des Verlegers Samuel Fischer. Dessen Nachfahren publizieren heute unter anderem Bücher von Kafka und Roger Willemsen. Zusammen mit Winfried lugen wir durch den Zaun und freuen uns, wie verwildert der Garten wirkt. Sympathisch. Wir fahren weiter und sind überrascht, dass hier so wenig Uniformität herrscht. Kein Haus gleicht dem anderen.

Neben barocken Anwesen zeigen neue Bauhaus-Objekte klare Kante. Während die Residenz des Botschafters der Vereinigten Arabischen Emirate märchenhaft hinter einem gepflegten Zufahrtsrondell thront, zerfällt gleich nebenan ein morbider Koloss aus Stein. Und so ist auch der Grunewald, wie ganz Berlin, ein Sammelsurium der Unterschiede. Das klingt fast pathetisch. Aber dadurch fühlt sich diese so andere Welt, durch die wir radeln, schon fast vertraut an.

Im Grunewald regieren die Gegensätze. Die Postmoderne hält sogar den Landhausstil aus und die Natur darf in manchen Ecken einfach machen, was sie will. Großartig!

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Hier trifft man auch auf Leute, die das Unkraut im Garten einfach stehen lassen und stattdessen lieber Tolstoi lesen oder einen Gin trinken. Die Haltung gefällt mir.

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Treiben lassen im Botschaftsviertel

In der Douglasstraße führt uns Winfried zu seinem Lieblingsort: die Villa Harteneck. Heute befindet sich innen ein Einrichtungsladen für den größeren Geldbeutel. Dahinter jedoch erstreckt sich ein kleiner öffentlicher Park mit Wiesengrund und einer romantisch verwachsenen Pergola. Wäre „Notting Hill“ in Berlin gedreht worden, hier hätte vermutlich die Abschlussszene mit der Bank und dem Buch stattgefunden. Noch darf sich die Natur hier ungehindert ausbreiten. „Bis einer kommt, dem das so wahnsinnig auf die Nerven geht, dass er alles wieder abgezirkelt haben will“, sagt Winfried. Ihm ist es lieber, wenn Leute die Kraft haben, auch das Unperfekte zuzulassen.  
Wir schlängeln uns weiter durch die alten Straßen Richtung Dahlem-Dorf. Es gibt kaum Verkehr, der das pittoreske Postkartenflair brechen könnte. Entlang der Koenigsallee sitzen mehrere kleine Seen in der Landschaft, auf denen Angler ruhig warten und Schwäne ihre Runden drehen. Kitschig? Ja, schon. Aber auch am Fuße der teuren Seegrundstücke geht es entspannt zu, man grüßt freundlich und geht dann einfach seiner Wege. Das „Laissez-faire“ wird hier zwar im Tennisdress und in Handtaschen in der Preisklasse eines Kleinwagens spazieren getragen. Aber es ist spürbar und ein schönes Hintergrundgefühl für einen Ausflug in den alten Westen.

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Koenigssee

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Besondere Orte im Grunewald:

Villa des Verlegers Samuel Fischer | Erdener Straße 8, 14193 Berlin

Park an der Villa Harteneck | Douglasstraße 9, 14193 Berlin

Botschaft von Irland | Douglasstraße 31, 14193 Berlin

Residenz des Botschafters der Vereinigten Arabischen Emirate | Winkler Str. 20, 14193 Berlin

Koenigssee | Zugang über Koenigsallee, neben dem Hasensprung

Hildegard-Knef-Haus | Bettinastraße 12, 14193 Berlin

Grunewaldkirche | Bismarckallee 28B, 14193 Berlin